Dr. Gunter Weidenhaus

TU Berlin
Institut für Soziologie

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Frauenhoferstraße 33-36
D - 10587 Berlin

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gunter.weidenhaus@tu-berlin.de

 
 

Gunter Weidenhaus  ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Planungs- und Architektursoziologie des Instituts für Soziologie an der TU Berlin. Weitere Informationen finden sie auf der Homepage der TU-Berlin.


Qualifikationen

2007: Dipl. Soz. an der TU Darmstadt zu "Modi der Biographisierung. Eine Typologie unterschiedlicher Formen von Lebensgeschichtlichkeit"

2013: Dissertation an der TU Darmstadt mit "Soziale Raumzeit"


Forschungsinteressen

- Soziologie der Zeit  
- Soziologie des Raumes  
- Sozial- und Gesellschaftstheorie  
- Wissenssoziologie  
- Biographieforschung  
- Stadtsoziologie


Soziale Raumzeit

Seit Einstein wissen wir: Die Länge eines Meters hängt mit der Dauer einer Sekunde zusammen. Das klingt absurd, ist aber vielfach experimentell bestätigt worden. In unserem Alltag geht es jedoch häufig um gänzlich andere Räume und Zeiten als um solche objektiven Abstandsbestimmungen. Wir fragen unsere Liebsten "Bist du schon zu Hause?" oder erklären uns unsere Probleme durch Bezugnahme auf vergangene Kindheitserfahrungen. Könnte es nicht sein, dass die Räume, die uns wichtig sind, wie ein Zuhause oder eine Heimat, damit zusammenhängen, ob wir uns für ein Produkt der Vergangenheit halten und unsere Zukunft planen? Etwas genauer ausgedrückt: Welche Räume wir konstituieren und wie wir das Verhältnis dieser Räume bestimmen, hängt damit zusammen, wie wir das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken. Dieses Zusammenspiel lässt sich für Lebensgeschichtlichkeit und Lebensräume zeigen: Wer ein Zuhause als Lebensmittelpunkt hat, darüber hinaus den Wohnort wichtig findet, weil dort die Freunde wohnen, und evtl. eine Region als Heimat betrachtet, der hält sich für ein Produkt seiner Vergangenheit und plant gegenwärtig an seiner biographischen Zukunft. Dieser raumzeitlichen Modus kann als konzentrisch-linear bezeichnet werden (umeinander geschachtelte Lebensräume und aufeinander aufbauende Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft).

Wer den Ort, an dem sein Bett steht, nicht als Zuhause bezeichnet und nur über Städte spricht, deren Atmosphären und unspezifische Optionen wichtig sind, der plant nicht in die Zukunft, sondern schaut spontan welche Chancen sich zu einem späteren Zeitpunkt ergeben und hakt seine Vergangenheit dann ab. Dabei handelt es sich um einen netzwerkwerkartig-episodischen Modus der Biographisierung (ein Netzwerk von Städten und unverbundene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Wer schließlich nichts außer seinem privaten Zuhause für wichtig hält, das klar von einer eher als unangenehm empfundenen Außenwelt getrennt wird, der versucht eine ewige Gegenwart, in der sich wenig verändert und alles wiederholt, zu erschaffen. Als inselhaft-zyklisch lässt sich diese Raumzeitkonstitution bezeichnen (kleine private Inseln und eine sich ewig wiederholende Gegenwart).

Nicht nur räumliche und zeitliche Abstandsbestimmungen weisen also einen Zusammenhang auf (physikalische Raumzeit), sondern auch soziale Raumkonstitutionen (z.B. Zuhause, Heimaten, Nationalstaaten) und Geschichtlichkeit (das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Der letztere Zusammenhang verdient die Bezeichnung "soziale Raumzeit".


Ausgewählte Veröffentlichungen

Weidenhaus, Gunter (2015): Soziale Raumzeit. Suhrkamp: Berlin.  

Weidenhaus, Gunter (2013): Relationale Raumkonzeptionen. In: Hessische Blätter für Volksbildung. Zeitschrift für Erwachsenenbildung. H. 3/2013.

Frank, Sybille / Steets, Silke / Schwenk, Jochen / Weidenhaus, Gunter (2013): Der aktuelle Perspektivenstreit in der Stadtsoziologie. In:Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Jg. 41, H. 2. S. 197-223.

Weidenhaus, Gunter (2008): Modi der Biographisierung. Konstruktionsformen von Lebensgeschichtlichkeit. In: Sozialer Sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung. Heft 2, Jg. 9, S. 251-280.